Texte schreiben

Texte schreibenDie AG richtet sich an alle, die Freude am Schreiben von Geschichten haben!

In der AG besprechen wir, wie wir lebendige Figuren gestalten können, die die Leser fesseln. Wir reden über das Erzeugen von Spannung und den Aufbau von Geschichten. Wir suchen nach tollen Anfangssätzen und vielem mehr, das eine Geschichte zu einem mitreißenden Leseabenteuer macht.

Jeder, der will, kann eigene Texte in der AG vorstellen und sich durch die Meinung der anderen anregen und ermutigen lassen.

Wer Freude am Schreiben hat und sich mit Gleichgesinnten treffen möchte, um über das Schreiben, über Bücher und die eigenen Geschichten zu reden - oder wer einfach nur die Zeit nutzen möchte, um am eigenen Buch weiterzuschreiben, der ist herzlich eingeladen.

Am Ende des Schuljahres können wir aus den geschriebenen Texten ein kleines Buch binden, eine Lesung veranstalten oder ein selbstgeschriebenes Theaterstück aufführen.

 

Kursleiter ist der Hamburger Schriftsteller Andreas Kollender.

 

Ansprechpartnerin für alle AGs: Frau zur Heide.

 

 

 

Schriftsteller-Erfolge am MCG 2011

Zwei Teilnehmerinnen der Schriftsteller-AG haben ihre ersten Literaturpreise gewonnen: Kiara Velleur (S1) erreichte Platz 1 beim Schreibwettbewerb "Eines Tages auf meiner Straße", Celine Nöldemann (S1) gewann den Publikumspreis der achttägigen Schreibwerkstatt der "fantastischen Teens". Die AG unter Leitung des Hamburger Schriftstellers Andreas Kollender richtet sich auch in diesem Schuljahr wieder an alle Schülerinnen und Schüler, die Freude am Schreiben von Geschichten haben.

 

Techniken und Tricks des erzählerischen Schreibens werden besprochen und können geübt werden. Eigene Kurzgeschichten oder Romane – Fantasy, Romanze, Krimi, Urlaubsgeschichte, lustig oder ernst, im Hier und Jetzt oder in fremden Welten – finden in der AG den richtigen Hintergrund, um vorgestellt, diskutiert und vor allem vorangetrieben zu werden. Natürlich findet auch jedes andere Thema rund ums Buch, ums Lesen und ums Schreiben Platz.

 

Kollender

Andreas Kollender hat vier Romane bei dtv veröffentlicht und 2004 den Literaturpreis Ruhrgebiet gewonnen. Er gibt seit vielen Jahren Schreibkurse an verschiedenen Institutionen in Hamburg.

 

 

 

 

 

 

Hier folgt eine Leseprobe aus der AG:

 

 

 

Wenn das Fass überläuft

Eine Geschichte aus der AG "Texte schreiben"

Es ist harmlos, wenn Eltern ihre Kinder am ersten Schultag mit einem dicken Kuss auf die Wange verabschieden.

Die Mütter stehen mit Tränen in den Augen vor der Schule und winken zum Abschied.

Anna winkt ihrer Mutter zurück, als sie zu ihrer ersten Schulkasse geht.  

Der Raum ist pechschwarz. Er ist gerade groß genug, dass ein schweres Fass in der Mitte Platz hat.

Es ist aus dickem Holz und wird von gerosteten Eisenschienen zusammengehalten.

Auf dem Fassboden befindet sich eine dünne Pfütze aus Wasser.

 

Es scheint harmlos zu sein, in den Unterricht zu gehen.


Bitte nicht ich, bitte nicht ich, bitte nicht ich, geht es mir durch den Kopf.

Ich rutsche bis an den Rand meines Stuhles und lehne mich zurück, damit ich kleiner wirke als meine Nachbarn.

„Anna.“

Erschrocken blicke ich von meinem Gekritzel auf und schnappe nach Luft. Ich merke, wie mein Gesicht heiß wird. Unterbewusst beiße ich mir auf die Lippe. Sie blutet.

„Können Sie mir sagen, woher Sie die Menschen- und Bürgerrechte kennen?“

Mein ganzer Körper ist angespannt. Ich kann die Blicke der anderen auf mir spüren.

„Von der französischen Revolution“, antworte ich schnell. Meine Stimme überschlägt sich.

„Was? Sie redet so leise!“, kommt es von einer Mitschülerin.

„Wiederholen Sie ihre Antwort bitte.“

„Von der französischen Revolution“, wiederhole ich lauter und blickte zu ihr. Sie wirft mir hämische Blicke zu.

„Danke. Jana, was sagen Sie?“

Die Aufmerksamkeit der Meisten wird von mir weggelenkt und mein Körper entspannt sich ein wenig.

Ich kann wieder atmen und hoffe, dass der Lehrer zufrieden ist und mich in Ruhe lässt.

Innerhalb von siebzehn Jahren ist das Fass zu dreiviertel gefüllt worden.

Das Wasser ist eisblau und spiegelglatt.

Gerade eben kam plätschernd ein Becher voll tiefdunklem Wasser hinzu.

Das Wasser im Fass hat nun ein trübes Blau.

 

Es scheint harmlos zu sein, Alpträume zu haben.

 

Sie steht auf dem Balkon.

Sie schaut nach unten.

Sie schaut mir in die Augen.

Sie springt.

„Mama!!!! Nein!!“

Schweißgebadet zucke ich zusammen. Ich bin klatschnass und werfe meine Bettdecke zurück.

Barfuss laufe ich ins Bad und spritze mir eiskaltes Wasser ins Gesicht.

Bei dem Gedanken, dass meine Mutter vielleicht nicht mehr lange leben wird, weil der Krebs sie besiegt und ich dann mit meinem Vater alleine bin, bekomme ich eine dicke Gänsehaut.

Ein weiterer Becher voll tiefdunklem Wasser kommt in das Fass.

Das Wasser im Fass ist jetzt ebenfalls dunkel, fast schwarz.

 

Es scheint harmlos zu sein, wenn jemand alleine sitzt – es sieht so aus, als würde er auf jemanden warten.

 

Ich bin die Erste und hoffe, dass der Lehrer bald kommt. In diesem Kurs kenne ich niemanden so richtig, meine Freunde haben in anderen Räumen Unterricht.

Ein Pärchen kommt lachend näher. Mit den Mädchen war ich vorher mal in einer Klasse und wir verstanden uns gut. Ich lächle sie zur Begrüßung an und rutsche einen Stuhl auf, damit sie sich zu mir setzen können. Sie sehen mich an und gehen in die andere Ecke des Raumes.

Ich werde nicht begrüßt.

Hätte ich „hallo“ sagen sollen? Soll ich sie fragen, wie es ihnen geht?

Vorsichtig schaue ich zu ihnen hinüber, aber sie beachten mich nicht und ich beschließe, nichts zu sagen.

„Hallo“, begrüße ich den Nächsten, der hereinkommt. Mit ihm habe ich mehrere Kurse zusammen und wir haben uns schon einmal unterhalten. Unser Gespräch hatte mehr etwas von einem Interview. Ich stellte ihm eine Frage, er antwortete und ich wartete, ob er noch etwas sagen würde. Als wir zehn Minuten stumm nebeneinander standen, stellte ich ihm die nächste Frage.

Er begrüßt mich ebenfalls, setzt sich aber zu den Anderen.

Die Klasse füllt sich. Der Platz neben mir bleibt leer.

Das Fass beginnt heftig zu schaukeln und das Wasser bewegt sich gefährlich nahe an den Rand.

 

Es scheint harmlos zu sein, einen Abend lang die Zeit zu vergessen.

 

Meine Freundin und ich lachen laut.  

„Ruhe bitte“, ruft unser Trainer.

Wir kommen alle in der Mitte der Sporthalle zusammen.

„Für heute sind wir fertig. Bis nächsten Freitag dann.“

Alle stürmen in die Umkleidekabinen.

„Hier“, unser Trainer übergibt uns die Schlüssel „Ihr schließt nachher auf jeden Fall hinter euch zu. Nicht vergessen.“

Wir nicken.

Als wir die einzigen in der Halle sind, drehen wir die Musik laut.

„Jeahhh!!“ Ich laufe durch die Halle, schließe die Augen und genieße das Gefühl der Freiheit.

„Komm schon. Stell dich ins Tor“, ruft Lara mir zu.

Übermütig stolpere ich in den Torbereich und fange ihren ersten Ball mit dem Schienbein ab. Es brennt, aber ich schieße ihr den Ball zurück.

„Warte mal kurz, ich werde gerade angerufen.“ Ich laufe an den Rand der Halle und gehe an mein Handy.

„Ja?“, frage ich und drehe schnell die Musik leiser.

Lara schaut ungeduldig zu mir. ´Nur mein Vater´ forme ich mit den Lippen.

„Wo bist du?“, fragt er mich.

„Wir sind noch in der Sporthalle. Es dauert noch ein wenig.“

„Ok. Dann sag mir nachher einfach Bescheid, wenn du wieder zuhause bist.“

„Mach ich.“

Er legt auf.

„Was wollte dein Vater?“, fragt Lara und schießt mir den Ball zu.

„Er hat nur gefragt, wo ich bin. Normalerweise wäre ich jetzt schon da gewesen.“ Ich passe ihr den Ball zurück.

Wir merken erst, dass es draußen schon dunkel ist, als Laras Handy klingelt.

Sie schaut erst auf die Uhr, dann erschrocken zu mir und danach legt sie wieder auf.

„Was gibt´s?“, frage ich sie.

„Es ist schon 23:25 Uhr. Meine Eltern haben gefragt, wo ich bleibe. Wir sollten uns jetzt besser auf den Weg machen.“

Wir nehmen den Ball mit und ich schaue auf mein Handy.

Zehn Anrufe in Abwesenheit. Alle von meinem Vater. Mist.

Wir ziehen uns so schnell um wie wir können und stürmen aus der Halle. Es ist kalt und die Nacht ist tiefschwarz.

„Wir sehen uns.“ Lara drückt mich zum Abschied, springt auf ihr Fahrrad und wenige Sekunden später kann ich sie nicht mehr sehen.

Ich schaue auf die Anzeigetafel.

Mein Bus kommt erst in einer halben Stunde.

Es ist verdammt kalt und ich beschließe, nach Hause zu laufen. Unterwegs wähle ich die Nummer meines Vaters. Sein Handy ist aus. Super.

Ich atme tief durch und mache mich auf den Weg. Der Abend war schön gewesen. So viel Spaß hatte ich lange nicht mehr.

Wenn ich zuhause bin, werde ich todmüde aber glücklich ins Bett fallen.

Es scheint harmlos zu sein, wenn Eltern zuhause auf ihre Kinder warten.

„Was fällt dir eigentlich ein, erst so spät zu kommen?!“

Das war ja eine schöne Begrüßung. Ja, danke Dad, mir geht es auch gut. Seit Monaten hatte ich den schönsten Abend und du?

„Ich habe dir doch Bescheid gesagt, dass ich heute länger weg bin.“

„Du hast gesagt, dass das noch ein bisschen dauert. Ich habe gedacht, dass du fünf Minuten meintest. Hast du eigentlich mal auf die Uhr geguckt? Es ist mitten in der Nacht!“

„Ja und? Ich bin ja nicht jeden Tag so lange weg! Außerdem kann ich nichts dafür, wenn du dir etwas ausdenkst, was ich nicht gesagt habe. Ich habe nicht gedacht, dass es ein Problem für dich ist, wenn ich später komme. Und warum? – weil du nichts gesagt hast. Du hast nicht gesagt oder gefragt, wann ich zurück sein sollte!“

 

Wenn ich nicht die ganze Zeit für das Abitur lernen müsste, würde ich arbeiten und ausziehen.

„Du bist immer noch siebzehn, Fräulein! Und solange du unter meinem Dach wohnst, hast du mir Bescheid zu sagen, wann du kommst und wann du gehst und wo du bist!“

„Wenn du nicht fragst, denke ich natürlich, dass alles gut ist!“, schreie ich ihn an. Ich hasse ihn, wenn er mir nicht richtig zuhört. Wir kommen am Besten zurecht, wenn er lange arbeitet.

Dann müssen wir uns nicht so oft sehen.

„Wieso beschwerst du dich eigentlich? Du hast es doch so gut bei uns? Andere schlafen unter einer Brücke! Dir fehlt es an gar nichts.“

Ich kann nicht mehr.

Es wird langweilig ihm zuzuhören. Er vergisst, warum er einen Streit angefangen hat und redet über etwas anderes. Es geht ihm nur darum, seinen Frust an mir auszulassen.

Ich bin immer wieder nett zu ihm gewesen.

Ich bin immer nett.

Ich versuche immer, nett zu sein.

Von ihm kommt gar nichts. Er dirigiert nur von seinem hohen Posten aus, und Mama ist zu krank, um etwas gegen ihn zu sagen.

Ich schaue ihm in die Augen. Ich meine, blanken Hass zu sehen.

Warum geht er mir nicht einfach aus dem Weg? Warum lässt er mich nicht noch ein Jahr in Ruhe in diesem Haus wohnen?

Ich stoße ihn zur Seite und renne hinaus.

„Wenn du jetzt gehst!“, er hebt den Finger drohend in die Luft.

„WAS?“, schreie ich. „WAS DANN?“

Ich kann nicht mehr weinen.

Ich habe die letzten Jahre lang geweint.

Ich habe die letzten Jahre zu viel geweint.

Er ist mir egal geworden.

Ich warte nicht auf seine Antwort.

Ich laufe weg.

Meine Lunge brennt. Es bildet sich ein Schweißfilm auf meiner Haut und ich beginne noch mehr zu frieren, aber ich kann nicht aufhören zu laufen.

Das Fass ist bis zum Rand gefüllt. Der ganze Raum beginnt sich zu drehen. Ein bisschen Wasser schwappt über.

 

Auf der Brücke bleibe ich stehen.

Ich stand schon oft hier.

Ich war immer nett. Ich war immer nett. Ich war immer nett.

Ich war zu oft stark.

Es ist keine spontane Entscheidung, dass ich hier stehe.

Ich habe Jahre lang geweint.

Jetzt kommen mir keine Tränen mehr.

Ich klettere über das Geländer der Brücke und setzte mich auf den Rand.

Ich breite meine Arme aus.

Ich schließe die Augen.

Ich atme die klare Luft tief ein.

Ich spüre keinen Schmerz mehr.

Ich schreie nicht.

Ich falle.

Das Fass kommt zum Stillstand.

Es ist einen kurzen Moment ruhig.

Dann kippt es mit einem leisen dumpfen Schlag auf den Boden.

Eine Wasserlache bildet sich.